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14.09.2006 21:14
Es wird gleich regnen, denkt der Junge mit dem Kinderwagen. Gott sei Dank wird es gleich regnen. Dann trainieren sie nicht, dann wird es nicht auffallen, wenn ich wieder nicht dabei bin. Bert schiebt den Wagen schneller. Vater wird es freuen, wenn ich schon eingekauft habe, überlegt der Junge. Seit Berts Mutter fort ist, fährt der Vater nur noch Nachtschicht im großen Schacht der Zeche: als Schachthauer, Nacht für Nacht. Nachmittags schläft er. Dann ist Bert da, hilft im Haushalt und achtet auf den Kleinen. Und deswegen kann Bert nicht mehr zum heißgeliebten Fußballspiel in den Klassenklub, deswegen muss er das Training auslassen, und deswegen wird er wieder Ärger bekommen, ganz bestimmt. Aber es geht nicht anders, das weiß Bert. Es wird sich erst ändern, wenn seine Mutter wiederkommt. Hoffentlich kommt sie bald! Manchmal bedrängt der Gedanke den Jungen, wie lange das noch gut gehen wird. Was ist, wenn sie sich einen anderen Torwart nehmen, einen, der immer zum Training kommt? Das Einkaufsnetz zieht wie ein Bleigewicht an Berts Arm. Der Junge hält den Kinderwagen an. Vorsichtig schiebt er die Beinchen des schlafenden Bruders zur Seite, schafft Platz für das Netz. Als Bert sich dann aufrichtet, sieht er sie, alle zehn. Ratlos zieht er die Unterlippe durch die Zähne. Jetzt haben sie mich. Und natürlich sehen sie ihn. Sie kommen direkt auf ihn zu, die ganze Fußballmannschaft. Bedrohlich heben sich ihre Körper vom gelben Horizont ab. Dann bleiben sie stehen, bilden geschickt einen Halbkreis um Bert mit dem Kinderwagen: eine wütende, schweigende Mauer. Wie ruhig es plötzlich ist. Bert versucht an seinen Klassenkameraden vorbei zu schauen. Wenn irgendjemand käme. Aber kein Mensch außer ihnen ist zu sehen, eine leere, ausgestorbene Straße. Ausgerechnet jetzt. Was werden sie tun? Berts Blick such in ihren Gesichtern. Es wird Keile geben, das steht fest. Man belügt nicht ungestraft den Klub, man lässt den Klub nicht im Stich. Das ist eiserne Regel. „So, so!“, Martin, der Lange, wippt herausfordernd auf den Zehenspitzen. „Mal wieder auf Omas Beerdigung, was?“ Ein Stein trifft Berts Schienbein. „Zum Training zu faul, aber spazieren gehen!“ Frank, den sie Bär nennen und den alle fürchten, steht direkt neben Bert. Der Junge kann den Atem des anderen spüren. Krampfhaft schaut Bert geradeaus. Jetzt wissen sie es, denkt er gequält. Jetzt wissen sie, dass ich sie immer belogen habe. Immer, wenn ich nicht zum Training konnte. Alles Mögliche hat Bert als Entschuldigung angegeben: Arztbesuch, Beerdigung, wichtige Fahrt in die Kreisstadt. Alles mögliche, nur nicht die Wahrheit. „Au“, Bert stöhnt auf. Der Bär hat Berts Arm gepackt und dreht ihn nach hinten um. Ein Spezialgriff. Man kommt nicht aus ihm heraus. Mit einem kurzen Ruck reißt der Bär den Arm hoch. Der Schmerz zuckt heftig durch Berts Körper. „Sag endlich, was du dir dabei gedacht hast!“ Noch dichter tritt der Bär an Bert heran. „Uns so anzulügen!“ Bert beißt sich auf die Lippen und schweigt. Sie würden ihn doch nicht verstehen. „He, bist du schwerhörig! Wo warst du jedes Mal?“ Irgendjemand aus der Menge ruft es. Irgendjemand. Bert weiß nicht, wer. Die Gesichter verschwimmen vor seinen Augen. Ihm ist, als sprächen sie alle mit einer Stimme aus einem einzigen riesigen Maul. Das Maul eines Raubtiers, das jeden Augenblick dazu bereit ist, zuzuschnappen. Berts Arm schmerzt. Noch mehr aber verletzen ihn die verächtlichen Blicke der Jungen. Sie zeigen es deutlich. Sie wollen ihn nicht mehr. Aus ist´s mit dem Klub – vorbei! Alle Lügen waren umsonst. Berts Knie zittern vor Anspannung. Wenn sie doch endlich mit dem Prügeln anfangen würden. Aber nicht mal das. „Mensch, zisch ab“, sagt jetzt einer. „Bei dir lohnen sich nicht mal Prügel. Wäre reine Kraftverschwendung. Hau ab, zur Mami!“ Bert merkt, wie ihm das Blut in den Kopf steigt. Was wissen sie von seiner Mutter? Sie können alles machen, nur seine Mutter sollen sie aus dem Spiel lassen. Aber schon geht es los. „Bert kann nicht zur Mami. Mami ist in der Klapsmühle“, schreit einer. „Bert muss selbst Mami spielen.“ Es war wie ein Signal. Die Jungen grölen jetzt durcheinander. „Klapsmühle!“ schreien sie und: „Mamispielen.“ Dabei hüpfen sie herum und boxen sich schadenfroh in die Seiten. „Klapsmühle, Mamispielen!“ Bert steht wie betäubt, noch immer im Griff von dem, den sie Bär nennen. Und der Lärm weckt schließlich den kleinen Bruder auf. Verstört schaut er auf die vielen Köpfe über ihm. Dann schreit er los, kräftig und anhaltend. Überrascht verstummen die Jungen und blicken auf das schreiende Baby. Der Bär lässt irritiert Berts Arm los. Bert reibt sich das schmerzende Handgelenk. Der Kleine hat Angst, denkt er. Er spürt sie wie ich, die Feindseligkeit und die Gefahr. Saubande, blöde. Das Weinen des Kindes wird heftiger, drängender. Hilflos streckt es Bert die Arme entgegen. Der kleine Oberkörper beugt sich weit vor, als suche er durch eigene Kraft in die Nähe des großen Bruders zu kommen. Dahin, wo er sich sicher glaubt, wo er Schutz vermutet. Einen Augenblick lang zögert Bert. Dann bückt er sich, ohne die anderen eines Blickes zu würdigen, nimmt ruhig den Kleinen auf den Arm und drückt ihn zärtlich an sich. Dann gibt er ihm einen Kuss, mitten auf die Nasenspitze. „Ganz wie Mami“, höhnt einer und lacht dazu. Aber die anderen lachen nicht mehr mit. Sie sind still. Nur der Bär sagt etwas. „Halt die Klappe“, sagt er und ist dann auch so merkwürdig still. Eine eigenartige plötzliche Stille. Bert bemerkt sie nicht. Er spürt das nasse Gesichtchen an seinem Hals und eine warme kleine Hand, die Halt in seinem Haar sucht. Da lächelt Bert. „Sucht euch mal einen anderen Torwart“, sagt er leise, „ich verzichte.“ Entschlossen schiebt er mit der freien Hand den Kinderwagen auf die Gruppe der Jungen zu. Verwundert machen sie Platz. Ganz fest hält Bert den kleinen Kinderkörper. Schon lange hat der Junge nicht mehr ein so gutes Gefühl gehabt. Er spürt das Gewicht des Kleinen kaum. Leicht wie eine Feder scheint er zu sein. Als ihn die anderen einholen, hat Bert noch das Lächeln im Gesicht. Er hört ihre Schritte, dreht sich ruhig um. Erstaunt, als hätte er sie eine lange Zeit nicht gesehen, schaut er sie an und fragt: „Ist was?“ Keiner der Jungen gibt eine Antwort. Die ersten Regentropfen fallen. Warmer Sommerregen wäscht die staubige Straße. Es dauert eine kleine Ewigkeit, ehe Martin endlich spricht: „Du könntest den Kleinen ja zum Training mitbringen. Wir passen dann abwechselnd auf ihn auf. Ganz bestimmt. Du kannst dich auf uns verlassen.“ Nun hätte Bert zum ersten Mal an diesem Tag fast geweint. Er holt tief Luft, seine Schultern heben sich. Dann nickt er, erst schwach, dann immer kräftiger. „In Ordnung“, sagt er, „bis morgen also, zum Training.“ Er geht ein paar Schritte und dreht sich noch mal um. „Und den Kleinen bring ich mit.“ Wenig später zieht er den Kinderwagen in den Hausflur, nimmt das Einkaufnetz heraus und geht mit dem kleinen Bruder die Treppe hinauf. Leise öffnet er die Wohnungstür. Vielleicht schläft der Vater noch. Ich werde es der Mutter in die Klinik schreiben, nimmt sich Bert vor. Ich werde ihr schreiben, wie glücklich ich bin. Das wird sie freuen, und die Freude wird ein wenig mithelfen, ihr krankes Gemüt wieder gesundzumachen. Denn Freude macht gesund, das hat ihm einmal der Arzt gesagt. Written by Hiltraud Olbrich
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